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Warum verwenden wir immer noch Plastikbecher in der Praxis?

Tilman Flechsig • 19. April 2024

Wie geht Umweltschutz in der Praxis?

Umweltschutz und die Schonung von Resourcen sind zwei Herausforderungen, die uns nicht nur privat, sondern auch beruflich fordern. Oft ist der "ökologische Fußabdruck", den wir hinterlassen, bei der Arbeit deutlich größer als der private. Allerdings werden dort viele gute Ansätze und Ideen von den geltenden Regulierungen und Vorschriften im Keim erstickt.


Ein kleines Beispiel aus der Praxis sind unsere Plastikbecher, die für jeden Patienten neu aufgestellt werden und ein "Einmalprodukt sind. Also ex und hopp in die gelbe Tonne. Im Laufe der Woche kommt da schon einiges zusammen. Ein Becher kostet etwa 1,7 Cent. Natürlich haben wir uns gefragt, ob es nicht auch anders geht.


Idee Nr. 1: Wiederverwendbare Becher aus hochwertigem Kunststoff (Resopal)


Es gibt sehr bruchsichere und schöne Becher aus "Resopal"-Kunststoff, die prinzipiell für den Einsatz in einer Zahnarztpraxis gut geeignet wären. Die Sache hat aber einen Haken: Jeder Gegenstand, der in unserer Behandlung zu Anwendung kommt, insbesondere wenn er den Patienten berührt, ist ein Medizinprodukt und unterliegt somit strengen Anforderungen in Bezug auf die Hygiene. Wird er ein zweites Mal verwendet, muss er nach festen Richtlinien aufbereitet werden (=> "wiederverwendbares Medizinprodukt"). Hierfür wird er Gegenstand seiner Risikogruppe gemäß klassifiziert, im Falle des Bechers in die Gruppe "semikritisch A", weil er in Kontakt mit der Schleimhaut des Patienten kommt. Wir dürfen den Becher nicht einfach mit Schwamm und Spülmittel säubern, wie wir es zu Hause mit einer Teetasse tun würden. Auch ist es nicht möglich, diese Becher in einer handelsüblichen Spülmaschine zu reinigen. Für die Medizinprodukte der Klasse "semikritisch B" ist eine maschinelle Aufbereitung in einem "Thermodesinfektor" vorgeschrieben. Das ist ein Reinigungs- und Desinfektionsgerät (RDG), welches über eine generelle Zulassung, jährliche Inspektion und jährliche Validierung einer Spezialfirma verfügt. Dieses Gerät ist im Prinzip eine Spülmaschine, benutzt aber aggressivere Chemikalien und höhere Temperaturen als diese. Das kostet viel Energie und Chemie und verbraucht die entsprechenden Ressourcen. Bei der großen Zahl an Bechern, die wir am Tag benötigen, ist mindesten ein zusätzlicher Durchlauf des Gerätes erforderlich. Außerdem müssen die Mitarbeiter die Becher sammeln, lagern, transportieren und das "RDG" ein- bzw. ausräumen. Für alle diese Tätigkeiten gibt es exakte behördliche Vorschriften, die mittels schriftlicher Arbeitsanweisung durchgeführt und im Rahmen eines Qualitätsmanagementsystems auch kontrolliert und dokumentiert werden müssen. Bei den steigenden Personal-, Energie- und Materialkosten ist das um ein vielfaches teurer als die entsprechenden Becher als Einmalartikel zu kaufen.  Zudem verbraucht der aufwendige Aufbereitungsvorgang mehr Energie, als zur Herstellung der Becher erforderlich ist.

Fazit: Eine sehr sympathische Idee, aber leider weder umweltschonend noch praktikabel.


Idee Nr. 2: Einmalbecher aus Pappe


Eine weitere Möglichkeit ist die Verwendung von Einmalbechern aus Pappe. Diese kosten zwar fast das Doppelte wie Plastikbecher, sind aber mit 3 Cent pro Becher durchaus erschwinglich. Und Papier wird ja bekanntlich recycelt, die Idee klingt also umweltfreundlich. Allerdings kamen mir gleich leichte Zweifel: Bestehen diese Becher wirklich nur aus Pappe? Warum weichen sie dann nicht durch, wenn sie voller Wasser sind?

Des Rätsels Lösung: Diese Becher sind auf der Innenseite mit LDPE, einem weichen Polyethylen-Kunststoff beschichtet. Es handelt sich also um einen "Hybridwerkstoff", bei dessen Recycling erst die Papierfasern von dem Barrierematerial entfernt werden  müsste. Diese Becher müssen sortenrein und vom normalen Papier getrennt gesammelt werden. Nur: Wo steht die nächste auf diese Becher spezialisierte Recyclinganlage? Große Schnellrestaurant-Ketten können natürlich ihren Abfall entsprechend trennen und das Recycling selbst organisieren. Unsere Praxis müsste diese Becher aber genauso wie Plastikbecher in der gelben Tonne entsorgen.

Es gibt auch Pappbecher mit Beschichtungen aus Polylactiden (PLA). Polylactide sind Kunststoffe, die zur Gruppe der Polyester gehören und theoretisch biologisch abbaubar sind. Allerdings geschieht dies außerhalb spezieller Kompostieranlagen in der Natur nur sehr langsam. Auch wird der Abbauprozess durch weitere Copolymere oft behindert. Auch bei diesen Bechern gilt: Wenn wir sie nicht getrennt sammeln und einer speziellen Aufbereitung bzw. Kompostieranlage zuführen (die es in unserer Gegend nicht gibt), haben wir nur eine weitere Quelle für Mikroplastik geschaffen. Verbrennen (=> "thermisch verwerten") kann man diese Becher natürlich wie jeden Plastikbecher auch.


Eine dritte Methode der Beschichtung von Pappbechern ist die Verwendung von per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS). Diese sind Industriechemikalien, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts hergestellt und aufgrund ihrer besonderen technischen Eigenschaften (wasser-, fett- und schmutzabweisend) in vielen industriellen Prozessen und Verbraucherprodukten eingesetzt werden. Sie finden sich nicht nur in Textilien, Antihaft-Pfannen, Elektronikgeräten und Kosmetika, sondern werden auch zur Oberflächenbehandlung von Metallen, Kunststoffen und Papier (also Trinkbechern) verwendet, teilt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in einer aktuellen Stellungnahme mit.  Besonders problematisch ist, dass sie in der Natur praktisch überhaupt nicht abbaubar sind und deshalb auch als "Ewigkeitschemikalien" betzeichnet werden müssen. Sie können sich in der Natur wie auch in Organismen anreichern und sind beim Ereichen höherer Konzentrationen möglicherweise gesundheitsschädlich. Allein dies ist ein guter Grund, sie möglichst zurückhaltend und nur für langlebige Produkte einzusetzen, sicher aber nicht für einen Einmalbecher in einer Zahnarztpraxis.

Eine besondere Eigenschaft der PFAS ist, dass sie sowohl wasser- als auch ölabweisend sind. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen rät zu folgendem Test: Wenn Wasser und auch Öl auf einer Papier- oder Pappoberfläche dauerhaft einen runden Tropfen bildet und nicht einsickert, handelt es sich vermutlich um eine PFAS-Beschichtung.


Weil es keine spezielle Kennzeichnungspflicht für die Art der Beschichtung gibt, können wir bei den Angeboten für  Pappbecher nicht nachvollziehen, womit sie nun eigentlich beschichtet sind.


Fazit: Beschichtete Pappbecher sind eine ökologische Mogelpackung. Sie bieten keine Vorteile gegenüber den Kunststoffbechern. Der Müll bleibt, nur ist er komplizierter aufzubereiten als bei Monomaterialien. Die biologische Abbaubarkeit ist genau so schlecht wie bei Kunststoffen.


Idee Nr. 3: Jeder Patient bringt sich seinen eigenen Becher mit


Diese Idee finde ich am charmantesten. So wie wir unseren "Coffee-to-go-Becher" aus stabilem Material zum Bäcker oder Imbiss unseres Vertrauen bringen können, könnte man ihn oder jeden anderen Becher (am besten aus unzerbrechlichem Material) auch beim Zahnarzt benutzen. Diesen Becher bräuchte niemand aufwendig aufzubereiten und die Müllberge wüchsen langsamer!

Ich glaube zwar nicht, dass sich diese Idee schnell durchsetzen wird, aber wenn Sie mögen: Wir füllen gerne Ihren Becher und vermeiden so Plastikabfall in der Praxis.

Fazit: Wer seinen eigenen Becher mitbringt, schont die Umwelt am meisten!


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Verwendet unsere Praxis noch Amalgam? Nein. Wir haben in unserer Praxis die Verwendung von Amalgam schon vor über 25 Jahren komplett eingestellt. Bei Kindern und Jugendlichen haben wir es nie verwendet. Im Jahr 2018 hat die EU die Verwendung des Materials bei Schwangeren und Kindern unter 15 Jahren verboten. Nur für diesen kleineren Personenkreis übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die höheren Kosten einer Kompositefüllung. Wir bieten in unserer Praxis sowohl kostenfrei als auch kostenpflichtige Alternativen zum Amalgam an. Alle Patienten werden vor der Behandlung über eventuell anfallende Kosten bei der Versorgung mit höherwertigen Materialien informiert. Welche Konsequenzen ein EU-Amalgamverbot für die zukünftige Kostenübernahme von Kompositefüllungen (" Kunststofffüllungen ") durch die Krankenkassen haben wird, können wir derzeit noch nicht abschätzen. Für das Jahr 2024 ändert sich erst einmal nichts.
von Tilman Flechsig 11. April 2024
Vor nicht allzu langer Zeit waren Karies (" Zahnfäule ") und lockere Zähne durch Parodontitis (" Zahnfleischschwund ") die Hauptursachen für den Verlust von Zahnsubstanz und Zähnen. Erfreulicherweise hat sich das geändert: Durch die verbesserte Mundhygiene bleiben mehr und mehr Menschen weitgehend kariesfrei und das Zahnfleisch und der Zahnhalteapparat werden gesund erhalten. In den letzten zwei Jahrzehnten rücken andere Schadensformen an den Zähnen mehr und mehr in den Vordergrund. Es sind Substanzverluste an den Oberflächen der Zähne, die durch mechanische ("Zähneknirschen", beschleunigter Zahnabrieb) oder chemische (Säureschäden) Einflüsse zu massiven Formveränderungen der Zähne, zum Absinken der Bisshöhe oder zum Freiliegen von empfindlichen Zahnarealen führen. Nach dem kompletten Verlust des schützenden Schmelzmantels liegt dann das Zahninnere, das Dentin frei, was zudem zu stark schmerzempfindlichen Zähnen führen kann. Natürlicher Oberflächenverlust (= Physiologische Demastikation) Jedes Gebiss unterliegt normalerweise einem kontinuierlichen Abrieb durch die Nahrungsbestandteile und die jeweilige Gegenbezahnung bzw. durch den Einfluss von natürlichen Säuren aus der Nahrung. So haben 20jährige in nur drei Prozent der Fälle einen stark sichtbaren Abriebsverlust (Abrieb bis in das mittlere Dentindrittel), wohingegen 70jährige diesen zu 17 Prozent aufweisen. Über 80% der 70jährigen haben zwar gealterte, aber grundsätzlich intakte Zahnoberflächen. Im Normalfall müssten unsere Zähne vom Abrieb her für ein ganzes Leben halten, weil wir in 10 Jahren nur etwa 0,3 mm an Zahnschmelz verlieren. Da der Schmelzmantel der Zähne im Bereich der Kaufläche ca. 1,5 mm dick ist, sollten wir die ersten 50 Jahre der Zahnnutzung ohne Freilegung von Dentin schaffen. Dies gilt umso mehr, als wir in unseren "modernen Zeiten" die Zähne nicht mehr als Werkzeug nutzen oder auf Steinen gemahlenes Mehl zu uns nehmen müssen. Das Mehl mit dem Sandzusatz wirkte in früheren Zeiten zu Brot gebacken wie Schmirgelpapier. Gebisse von Menschen, die vor mehr als 250 Jahren lebten, zeigen einen deutlich höheren Substanzverlust als heutzutage üblich. Es ist grundsätzlich sehr wichtig, krankhafte Substanzverluste schon in einem frühen Stadium zu entdecken, um massive Schäden und hohe Folgekosten für aufwendige Zahnrekonstruktionen zu vermeiden. Insbesondere kann sich der Abrieb verstärken, wenn das Dentin ("Zahnbein") an der Zahnoberfläche durch den vollständigen Verlust des Zahnschmelzes frei zu liegen beginnt, weil Dentin fünf mal weicher als Zahnschmelz ist. Was sind die Ursachen für einen beschleunigten Verlust von oberflächlicher Zahnsubstanz, der nicht durch Karies verursacht sind ? Wir unterscheiden hier zwei Schadensmechanismen, die im schlimmsten Fall kombiniert auftreten können:
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Moderne Zahnerhaltung funktioniert . Immer mehr Menschen behalten immer mehr eigene Zähne bis in hohe Lebensalter. Dieser Erfolg wird für Deutschland durch repräsentative Studien bestätigt, zum Beispiel durch die fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS V) von 2016. Mehr eigene Zähne im Mund - das ermöglicht Zahnärzten, in weit höherem Maße als früher Zahnersatz anzufertigen, der fest im Mund verankert ist, also Kronen und Brücken anzufertigen, statt wie früher einen herausnehmbaren Zahnersatz herzustellen. Die Lebensqualität der so versorgten Menschen ist höher, der Kaukomfort und die Kauleistung steigen. Dieser Trend wird durch den Einsatz von Zahnimplantaten noch verstärkt, weil diese strategische eingesetzten künstlichen Zahnwurzeln die Möglichkeiten der fest sitzenden Verankerung für Zahnersatz nochmals erweitern. Die Gruppe der Menschen, die zahnlos und mit einer Totalprothese versorgt sind, wird kleiner. Diese erfreuliche Entwicklung hat allerdings auch eine Schattenseite. Wo früher Totalprothesen mit einer "Kukident"-Reinigungstablette über Nacht im Wasserglas auf dem Nachttisch gereinigt werden konnten, müssen nun auch im hohen Alter die eigenen Zähne im Mund gepflegt werden. Mit steigendem Lebensalter treffen zwei Entwicklungen aufeinander: Zum einen steigt mit höherem Alter die Gefahr für Karies gegenüber dem mittleren Alter an. Freiliegende Zahnhälse, vergrößerte Zahnzwischenräume und abgenutzte Schmelzareale sowie eine geringere Speichelproduktion vergrößern die Anfälligkeit für Karies. Einschränkungen bei der Mundhygiene (Beweglichkeit von Schulter, Arm und Fingern, Sehschärfe etc.) begünstigen die Entstehung schädlicher Bakterienbeläge auf den Zahnoberflächen. In besonderem Maße sind Menschen gefährdet, die pflegebedürftig sind und noch eigene Zähne haben. Hier vergrößert sich der allgemeine Pflegebedarf durch die technisch herausfordernde Pflege der Zähne noch einmal deutlich. Und gerade in diesem Bereich gibt es zur Zeit noch die größten Defizite sowie einen hohen Informationsbedarf. Für Angehörige und Pflegende gibt es seit eine sehr informative Informations- und Lernplattform im Internet: https://mund-pflege.net/ Auf dieser vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützten Plattform werden eine Vielzahl von Informationen und praktische Tipps gegeben. Die Kapitel sind durchgehend bebildert, frei von Werbung und gut verständlich. Ein Blick auf diese Seite lohnt sich für jeden!
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