Idee Nr. 1: Wiederverwendbare Becher aus hochwertigem Kunststoff (Resopal)
Es gibt sehr bruchsichere und schöne Becher aus "Resopal"-Kunststoff, die prinzipiell für den Einsatz in einer Zahnarztpraxis gut geeignet wären. Die Sache hat aber einen Haken: Jeder Gegenstand, der in unserer Behandlung zu Anwendung kommt, insbesondere wenn er den Patienten berührt, ist ein
Medizinprodukt und unterliegt somit strengen Anforderungen in Bezug auf die Hygiene. Wird er ein zweites Mal verwendet, muss er nach festen Richtlinien
aufbereitet
werden (=> "wiederverwendbares Medizinprodukt"). Hierfür wird er Gegenstand seiner Risikogruppe gemäß klassifiziert, im Falle des Bechers in die Gruppe "semikritisch A", weil er in Kontakt mit der Schleimhaut des Patienten kommt. Wir dürfen den Becher nicht einfach mit Schwamm und Spülmittel säubern, wie wir es zu Hause mit einer Teetasse tun würden. Auch ist es nicht möglich, diese Becher in einer handelsüblichen Spülmaschine zu reinigen. Für die Medizinprodukte der Klasse "semikritisch B" ist eine maschinelle Aufbereitung in einem "Thermodesinfektor" vorgeschrieben. Das ist ein Reinigungs- und Desinfektionsgerät (RDG), welches über eine generelle Zulassung, jährliche Inspektion und jährliche Validierung einer Spezialfirma verfügt. Dieses Gerät ist im Prinzip eine Spülmaschine, benutzt aber aggressivere Chemikalien und höhere Temperaturen als diese. Das kostet viel Energie und Chemie und verbraucht die entsprechenden Ressourcen. Bei der großen Zahl an Bechern, die wir am Tag benötigen, ist mindesten ein zusätzlicher Durchlauf des Gerätes erforderlich. Außerdem müssen die Mitarbeiter die Becher sammeln, lagern, transportieren und das "RDG" ein- bzw. ausräumen. Für alle diese Tätigkeiten gibt es exakte behördliche Vorschriften, die mittels schriftlicher Arbeitsanweisung durchgeführt und im Rahmen eines Qualitätsmanagementsystems auch kontrolliert und dokumentiert werden müssen. Bei den steigenden Personal-, Energie- und Materialkosten ist das um ein vielfaches teurer als die entsprechenden Becher als Einmalartikel zu kaufen. Zudem verbraucht der aufwendige Aufbereitungsvorgang mehr Energie, als zur Herstellung der Becher erforderlich ist.
Fazit: Eine sehr sympathische Idee, aber leider weder umweltschonend noch praktikabel.
Idee Nr. 2: Einmalbecher aus Pappe
Eine weitere Möglichkeit ist die Verwendung von Einmalbechern aus Pappe. Diese kosten zwar fast das Doppelte wie Plastikbecher, sind aber mit 3 Cent pro Becher durchaus erschwinglich. Und Papier wird ja bekanntlich recycelt, die Idee klingt also umweltfreundlich. Allerdings kamen mir gleich leichte Zweifel: Bestehen diese Becher wirklich nur aus Pappe? Warum weichen sie dann nicht durch, wenn sie voller Wasser sind?
Des Rätsels Lösung: Diese Becher sind auf der Innenseite mit
LDPE, einem weichen Polyethylen-Kunststoff beschichtet. Es handelt sich also um einen "Hybridwerkstoff", bei dessen Recycling erst die Papierfasern von dem Barrierematerial entfernt werden müsste. Diese Becher müssen sortenrein und vom normalen Papier getrennt gesammelt werden. Nur: Wo steht die nächste auf diese Becher spezialisierte Recyclinganlage? Große Schnellrestaurant-Ketten können natürlich ihren Abfall entsprechend trennen und das Recycling selbst organisieren. Unsere Praxis müsste diese Becher aber genauso wie Plastikbecher in der gelben Tonne entsorgen.
Es gibt auch Pappbecher mit Beschichtungen aus Polylactiden (PLA). Polylactide sind Kunststoffe, die zur Gruppe der Polyester gehören und theoretisch biologisch abbaubar sind. Allerdings geschieht dies außerhalb spezieller Kompostieranlagen in der Natur nur sehr langsam. Auch wird der Abbauprozess durch weitere Copolymere oft behindert. Auch bei diesen Bechern gilt: Wenn wir sie nicht getrennt sammeln und einer speziellen Aufbereitung bzw. Kompostieranlage zuführen (die es in unserer Gegend nicht gibt), haben wir nur eine weitere Quelle für Mikroplastik geschaffen. Verbrennen (=> "thermisch verwerten") kann man diese Becher natürlich wie jeden Plastikbecher auch.
Eine dritte Methode der Beschichtung von Pappbechern ist die Verwendung von per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS). Diese sind Industriechemikalien, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts hergestellt und aufgrund ihrer besonderen technischen Eigenschaften (wasser-, fett- und schmutzabweisend) in vielen industriellen Prozessen und Verbraucherprodukten eingesetzt werden. Sie finden sich nicht nur in Textilien, Antihaft-Pfannen, Elektronikgeräten und Kosmetika, sondern werden auch zur Oberflächenbehandlung von Metallen, Kunststoffen und Papier (also Trinkbechern) verwendet, teilt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in einer aktuellen Stellungnahme mit. Besonders problematisch ist, dass sie in der Natur praktisch überhaupt nicht abbaubar sind und deshalb auch als "Ewigkeitschemikalien" betzeichnet werden müssen. Sie können sich in der Natur wie auch in Organismen anreichern und sind beim Ereichen höherer Konzentrationen möglicherweise gesundheitsschädlich. Allein dies ist ein guter Grund, sie möglichst zurückhaltend und nur für langlebige Produkte einzusetzen, sicher aber nicht für einen Einmalbecher in einer Zahnarztpraxis.
Eine besondere Eigenschaft der PFAS ist, dass sie sowohl wasser- als auch ölabweisend sind. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen rät zu folgendem Test: Wenn Wasser und auch Öl auf einer Papier- oder Pappoberfläche dauerhaft einen runden Tropfen bildet und nicht einsickert, handelt es sich vermutlich um eine PFAS-Beschichtung.
Weil es keine spezielle Kennzeichnungspflicht für die Art der Beschichtung gibt, können wir bei den Angeboten für Pappbecher nicht nachvollziehen, womit sie nun eigentlich beschichtet sind.
Fazit: Beschichtete Pappbecher sind eine ökologische Mogelpackung. Sie bieten keine Vorteile gegenüber den Kunststoffbechern. Der Müll bleibt, nur ist er komplizierter aufzubereiten als bei Monomaterialien. Die biologische Abbaubarkeit ist genau so schlecht wie bei Kunststoffen.
Idee Nr. 3: Jeder Patient bringt sich seinen eigenen Becher mit
Diese Idee finde ich am charmantesten. So wie wir unseren "Coffee-to-go-Becher" aus stabilem Material zum Bäcker oder Imbiss unseres Vertrauen bringen können, könnte man ihn oder jeden anderen Becher (am besten aus unzerbrechlichem Material) auch beim Zahnarzt benutzen. Diesen Becher bräuchte niemand aufwendig aufzubereiten und die Müllberge wüchsen langsamer!
Ich glaube zwar nicht, dass sich diese Idee schnell durchsetzen wird, aber wenn Sie mögen: Wir füllen gerne Ihren Becher und vermeiden so Plastikabfall in der Praxis.
Fazit: Wer seinen eigenen Becher mitbringt, schont die Umwelt am meisten!