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Überschätzen wir unsere Fähigkeiten beim Zähneputzen?

Tilman Flechsig • 12. September 2023

Neue Studien der Universität Gießen geben Antworten

Aktuelle wissenschaftliche Studien des Institutes für Medizinische Psychologie der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) unter der Leitung von Prof. Dr. Renate Deinzer in Zusammenarbeit mit der Zahnklinik Marburg haben das Zahnputzverhalten von Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern untersucht.

Dabei wurde festgestellt, dass es in allen Gruppen deutliche Defizite in der Beherrschung einer guten Mundhygiene gibt. 

Insbesondere fiel auf, das die Erwachsenen die Technik nicht besser beherrschten als die Kinder. Dies zeigt eine grundlegende Problematik bei der Vermittlung von Fähigkeiten zur Mundhygiene im häuslichen Umfeld.

Zudem überschätzten Erwachsenen den Erfolg ihrer Bemühungen deutlich.

Wurden die Erwachsenen aufgefordert, ihre Bemühungen maximal zu steigen, um das bestmögliche Ergebnis zu ereichen, wendeten sie deutlich mehr Zeit auf und betrieben mehr Pflege im Zahnzwischenraumbereich. Allerdings ereichten sie damit keine besseren Ergebnisse als die Vergleichsgruppe, die ihre Zähne "normal" putzen sollte. 

Es konnte also gezeigt werden, dass eine Verlängerung der Putzzeit allein noch nicht zu einer  Verbesserung der Mundhygiene führt, weil systematische und technische Fehler weiter bestehen bleiben. Die berühmte Sanduhr im Badezimmer ist also noch nicht die Lösung.

Die kurze Antwort auf die Frage unseres Blogs lautet also: Ja. Wir überschätzen unsere Fähigkeiten. Und diese Fähigkeiten müssen besser werden, damit wir sie erfolgreich an unsere Kinder weitergeben können. 


Wie kann ich meine Mundhygiene verbessern?

Sehen Sie sich das Kapitel "Wie Zähne putzen?" auf dieser Homepage an. Analysieren Sie ihre bisherige Putztechnik in Bezug auf:


  • die bisherige Systematik
  • die jeweilige Technik für die gleichnamigen Flächen
  • die verwendeten Hilfsmittel
  • die technische Ausführung


Seit längerem ist bekannt, dass die meisten Menschen beim Zähne putzen fest "einprogrammierte", häufig vor Jahrzehnten erlernte Bewegungen abrufen und diese in z. T. chaotischen Abfolgen durchführen, wobei häufige Wiederholungen und systematische Auslassungen vorkommen. Das hat den Nachteil, dass saubere Flächen mehrfach nachgeputzt werden und noch ausgelassene Bereiche immer wieder übergangen werden. Wenn Erwachsene neue Bewegungen erlernen, fallen Sie häufig nach zwei bis drei Wochen wieder in diese alten Bewegungsmuster zurück.


Aus diesem Grund ist es für eine dauerhafte Verbesserung der Mundhygiene sinnvoll zunächst einmal eine Systematik der Putzvorgänge zu planen. Wir empfehlen wie im  Kapitel "Wie Zähne putzen?"beschrieben nach der KIAZZ-Reihenfolge vorzugehen. Ohne ein geplantes, bewusst gemachtes System können die automatisierten unbewusst ablaufenden Bewegungsabläufe der bisherigen Putztechnik nicht dauerhaft verändert werden.


In besonderen Fällen kann es sinnvoll sein, auch die verwendeten Hilgfsmittel umzustellen. Beispielhaft sei hier die Solo-Technik unter Verwendung einer Einbüschelbürste genannt. Elektrische Zahnbürsten können eine wertvolle Unterstützung sein, können aber Fehler in der Systematik und Technik des Zähneputzens nicht kompensieren.


Typische Fehler, die wir täglich sehen:

  • Die Kauflächen der Zähne  werden relativ lange monoton gebürstet, teilweise werden die Bewegungen in Teilbereichen mehrfach wiederholt, anstatt sich dem nächsten Flächenbereichen zu widmen.
  • Die Innenflächen der Zähne werden entweder ganz oder teilweise vergessen. Zudem ist die korrekte Durchführung der Bass-Technik hier schwieriger. Hinter den Frontzähnen, insbesondere im Unterkiefer,  wird die Bürste nicht korrekt vertikal ausgerichtet. Die Verwendung von  zu großen Bürstenköpfen mit fehlender Angulierung erschwert das Ereichen des Zahnfleischsaumes auf der Innenseite der Zähne.
  • Die Außenflächen der Zähne werden nicht kreisend-wischend (Bass-Technik) bearbeitet, sondern horizontal mit viel Kraft (aus dem Arm heraus) "geschrubbt". Hierduch wird das Zahnfleisch unnötig geschädigt. Auch ist die Reinigleistung bei dieser Technik mangelhaft. Der Bereich des Zahnfleischsaumes wird häufig nicht ereicht.
  • Die Zahnzwischenräume werden tagelang komplett vergessen. Zahnseide wird falsch benutzt (tiefes Sägen statt "den Gürtel auf und ab wandern lassen", siehe "Zahnseide & Co." auf der Hauptseite der Homepage). Große Zahnzwischenräume werden nicht mit Interdentalbürsten gereinigt, obwohl dies die effektivste Methode wäre.
  • Die Zungenoberfläche wird oft komplett vergessen, auch wenn sie deutliche Zeichen von starker Verhornung (z.B. bei Rauchern) und auffallende Beläge aufweist.
  • Die Zahnpasta ist fluoridfrei, wodurch Ihr ein wesentlicher Schutzfaktor fehlt.  Nach hastigem Zähne putzen wird die Zahnpasta intensiv ausgespült und kann so nicht ausreichend einwirken.
  • Statt die Zähne zu putzen, wird auf die reinigende Wirkkung von Lutschbonbons, Mundspüllösungen oder Kaugummi vertraut.


Wo bekomme ich ein individuelles qualifiziertes Mundhygienetraining?

Idealerweise im Rahmen einer Prophylaxesitzung bei der Dentalhygienikerin Ihres Zahnarztes. Hier können bakterielle Beläge sichtbar gemacht werden, das Putzverhalten analysiert und gezielt verbessert werden.

Bringen Sie zu solch einem Termin auf jeden Fall Ihre bisher verwendeten Hilfsmittel (Lieblingszahnbürste etc.) mit, damit eine realistische Beurteilung möglich wird.

Diese Sitzungen sind nicht kostenfrei, da der Bereich der Erwachsenenprophylaxe nicht zum Leistungskatalog der gesetztlichen Krankenkassen gehört. Sie müssen bei einer Zeitstunde mit Kosten von 80-100.-€ rechnen.

Eventuell gibt Ihnen die Krankenkasse auf freiwilliger Basis einen Zuschuss zu diesen Kosten. Dies müssen Sie allerdings selber am besten vorab erfragen.

Wenn es gelingt, in diesem Rahmen die Mundhygiene dauerhaft zu verbessern, ist es definitiv eine der besten "Investitionen" Ihres Lebens, dessen bin ich mir sicher!

In diesem Sinne - bleiben Sie gesund!




Hier finden SIe die Studien der Universität Gießen:


Zdenka Eidenhardt, Alexander Ritsert, Sadhvi Shankar‑Subramanian, Stefanie Ebel, Jutta Margraf‑Stiksrud, Renate Deinzer: Tooth brushing performance in adolescents as compared to the best‑practice demonstrated in group prophylaxis programs: an observational study. BMC Oral Health (2021) 21:359
https://doi.org/10.1186/s12903-021-01692-z


Renate Deinzer, Sadhvi Shankar‑Subramanian, Alexander Ritsert, Stefanie Ebel, Bernd Wöstmann, Jutta Margraf‑Stiksrud, Zdenka Eidenhardt: Good role models? Tooth brushing capabilities of parents: a video observation study. BMC Oral Health (2021) 21:469
https://doi.org/10.1186/s12903-021-01823-6


Eidenhardt, Z., Busse, S., Margraf-Stiksrud, J. et al. Patients’ awareness regarding the quality of their oral hygiene: development and validation of a new measurement instrument. BMC Oral Health22, 629 (2022). https://doi.org/10.1186/s12903-022-02659-4


Weik, U., Shankar-Subramanian, S., Sämann, T. et al. “You should brush your teeth better”: a randomized controlled trial comparing best-possible versus as-usual toothbrushing. BMC Oral Health23, 456 (2023). https://doi.org/10.1186/s12903-023-03127-3

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Vor nicht allzu langer Zeit waren Karies (" Zahnfäule ") und lockere Zähne durch Parodontitis (" Zahnfleischschwund ") die Hauptursachen für den Verlust von Zahnsubstanz und Zähnen. Erfreulicherweise hat sich das geändert: Durch die verbesserte Mundhygiene bleiben mehr und mehr Menschen weitgehend kariesfrei und das Zahnfleisch und der Zahnhalteapparat werden gesund erhalten. In den letzten zwei Jahrzehnten rücken andere Schadensformen an den Zähnen mehr und mehr in den Vordergrund. Es sind Substanzverluste an den Oberflächen der Zähne, die durch mechanische ("Zähneknirschen", beschleunigter Zahnabrieb) oder chemische (Säureschäden) Einflüsse zu massiven Formveränderungen der Zähne, zum Absinken der Bisshöhe oder zum Freiliegen von empfindlichen Zahnarealen führen. Nach dem kompletten Verlust des schützenden Schmelzmantels liegt dann das Zahninnere, das Dentin frei, was zudem zu stark schmerzempfindlichen Zähnen führen kann. Natürlicher Oberflächenverlust (= Physiologische Demastikation) Jedes Gebiss unterliegt normalerweise einem kontinuierlichen Abrieb durch die Nahrungsbestandteile und die jeweilige Gegenbezahnung bzw. durch den Einfluss von natürlichen Säuren aus der Nahrung. So haben 20jährige in nur drei Prozent der Fälle einen stark sichtbaren Abriebsverlust (Abrieb bis in das mittlere Dentindrittel), wohingegen 70jährige diesen zu 17 Prozent aufweisen. Über 80% der 70jährigen haben zwar gealterte, aber grundsätzlich intakte Zahnoberflächen. Im Normalfall müssten unsere Zähne vom Abrieb her für ein ganzes Leben halten, weil wir in 10 Jahren nur etwa 0,3 mm an Zahnschmelz verlieren. Da der Schmelzmantel der Zähne im Bereich der Kaufläche ca. 1,5 mm dick ist, sollten wir die ersten 50 Jahre der Zahnnutzung ohne Freilegung von Dentin schaffen. Dies gilt umso mehr, als wir in unseren "modernen Zeiten" die Zähne nicht mehr als Werkzeug nutzen oder auf Steinen gemahlenes Mehl zu uns nehmen müssen. Das Mehl mit dem Sandzusatz wirkte in früheren Zeiten zu Brot gebacken wie Schmirgelpapier. Gebisse von Menschen, die vor mehr als 250 Jahren lebten, zeigen einen deutlich höheren Substanzverlust als heutzutage üblich. Es ist grundsätzlich sehr wichtig, krankhafte Substanzverluste schon in einem frühen Stadium zu entdecken, um massive Schäden und hohe Folgekosten für aufwendige Zahnrekonstruktionen zu vermeiden. Insbesondere kann sich der Abrieb verstärken, wenn das Dentin ("Zahnbein") an der Zahnoberfläche durch den vollständigen Verlust des Zahnschmelzes frei zu liegen beginnt, weil Dentin fünf mal weicher als Zahnschmelz ist. Was sind die Ursachen für einen beschleunigten Verlust von oberflächlicher Zahnsubstanz, der nicht durch Karies verursacht sind ? Wir unterscheiden hier zwei Schadensmechanismen, die im schlimmsten Fall kombiniert auftreten können:
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